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Radverkehr: Deutsche Fahrrad-Visionen und die Bürokratie

11. November 2016

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Hinsichtlich Radverkehr tut sich etwas in Fahrrad-Deutschland. Radwege werden schneller – wenn auch nicht schneller gebaut – und die Nützlichkeit des Radverkehrs wird allmählich sogar ganz oben erkannt. Das heißt aber nicht, dass die Entwicklung zur Fahrrad-Nation vor der Tür steht.

Wenn im Herbst das Tourenfahren per Bike und Trike allmählich ausklingt und das Radeln sich wieder auf Arbeitsstrecke, Einkauf und Kneipe beschränkt, bleibt Zeit, um nachzufragen: Wie geht es weiter mit dem Radverkehr in Deutschland?

Die Kaufprämie für E-Bikes auf dem Prüfstand

Täglicher Stress und Stau auf den Strßen

Täglicher Stress und Stau auf den Straßen. Foto: Fotolia/Kara

Was macht beispielsweise die E-Bike-Prämie? Der Zweirad-Industrieverband ZIV und die Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Kommunen Baden-Württemberg AGFK-BW fordern zusammen mit dem Verkehrsclub Deutschland VCD eine Kaufprämie für E-unterstützte Räder und Lastenräder. Der Bundesgeschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs ADFC, Burkhard Stork, meint auch: „4.000 Euro Kaufprämie für E-Lastenräder – das wäre ein innovatives verkehrspolitisches Signal.“

Selbst der Bundesrat appellierte an die Regierung, den Vorschlag zu prüfen. Nüchtern betrachtet: Wieso gibt es für das E-Auto, das vielleicht ein Problem, nämlich die Umweltbelastung, reduzieren hilft, aber den täglichen Stau und Stress auf den Straßen nicht mindert, 4.000 Euro Kaufprämie? Ein Umsteiger vom Auto auf zwei Räder erhält beim Kauf eines Pedelecs bislang keinen Cent, obwohl er mithilft, auch das zweite Problem anzugehen.

Zum Glück gibt es Menschen, die den Missstand erkannt haben. Zum Beispiel in München. Dort fördert die Kommune den Kauf von Lasten-E-Bikes mit bis zu 1.000 Euro, den eines normalen Pedelecs mit bis zu 500 Euro. Noch besser: Wer nachweisen kann, dass mit der Neuanschaffung ein Auto ersetzt wird, bekommt nochmals 1.000 Euro obendrauf! Allerdings gilt die Förderung nur für Freiberufler, Gewerbetreibende und Unternehmen.

Fahrradhersteller fordern bessere Radwege statt E-Bike-Prämien

Radverkehr fördern, zum Beispiel durch eine Fahrradstraße

Straße für Radfahrer in Freiburg. Foto: Fotolia/azureus70

Es gibt Fahrradhersteller, die lieber bessere Radwege hätten, als dass Ihre Kunden Geld zum Pedelec-Kauf bekommen, wie Andrea Reidl in ihrem Blog „Busy Streets“ erzählt. Zum Beispiel wäre es Arne Sudhoff vom größten deutschen Fahrradhersteller Derby Cycle (Marken: Focus, Kalkhoff, Raleigh u.a.) lieber, der Staat würde endlich und intensiver in die Fahrrad-Infrastruktur investieren.

Auch beim großen Versender Rose ist der Chef dieser Meinung. Denkt man erstmal drüber nach, muss man zustimmen: Die nachhaltigere Lösung ist es sowieso. Sind vernünftige Radwege und Routen erst einmal vorhanden, werden sie auch mehr genutzt als die vielen Problemwege heute.

Auch der Einstieg zum Pendeln oder Gelegenheitsradeln fiele leichter, denn das Argument „Radfahren ist auf diesen autozentrierten Verkehrswegen doch zu gefährlich und zu umständlich“ hält derzeit viele davon ab, sich ein E-Bike oder -Trike zu kaufen.

Radverkehr erhält Unterstützung durch Verkehrsministerium

Aktuell ist das Gros der Pedelecs im Freizeit- und Touren-Sektor unterwegs. Die Bundesregierung will aber, dass vor allem der Weg zur Arbeit entzerrt wird. Dazu dürfte tatsächlich eine bessere Rad-Infrastruktur mehr beitragen. Deshalb will das Bundesverkehrsministerium jetzt den Bau von Radschnellwegen beschleunigen – „Pendler-Autobahnen“, die über häufig befahrene Routen führen.

Zwischen Essen und Mülheim an der Ruhr ist die Rheinische Bahn als Herzstück des RS1 bereits eröffnet und wird gerne genutzt.

Zwischen Essen und Mülheim an der Ruhr ist die Rheinische Bahn als Herzstück des RS1 bereits eröffnet und wird gerne genutzt. Foto: RVR/ Tom Schulte

NRW-Verkehrsminister Michael Groschek ist vor Kurzem auf dem ersten fertigen Stück des RS1 von Mülheim nach Essen gefahren und fand, das sei eine richtig gute Sache. Einmal fertig, soll der RS1 von Duisburg nach Hamm führen – etwa 100 Kilometer weit.

In den Citys überwiegt mittlerweile auch bei Gewerbetreibenden die Überzeugung, dass verkehrsberuhigte Innenstädte keine Gefahr, sondern eher ein Segen sein könnten. Wenn auch bei uns diese Überzeugung noch nicht so präsent ist wie andernorts: Die Stadtregierung von Oslo plant laut Handelsblatt, die innere City 2019 autofrei zu haben.

In Stockholm müssen bereits seit dem ersten Januar 2016 Autofahrer zwölf Euro zahlen, wollen sie in die Innenstadt – oder heraus. In London gibt es die City-Maut, die seit Kurzem 16 Euro pro Tag kostet. Nicht nagelneue Dieselfahrzeuge kosten sogar das doppelte.

Kopenhagen verfolgt das Autofrei-Ziel schon länger mit ganz anderen Maßnahmen: Seit Jahren werden die innerstädtischen Parkplätze verringert und der öffentliche Nahverkehr gefördert. Der Radverkehr auf den Fahrradautobahnen gehört schon zum bekannten Bild der Stadt.

Bürokratie sorgt für langsame Entwicklungen

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Das Pino als E-Cargobike fährt auch auf holprigeren Radwegen super.

Damit das alles nicht zu schnell vorangeht, haben wir die Bürokratie. Nicht nur, dass die ersten Radschnellwege ohnehin schon lange hätten fertig sein sollen – es gibt auch ganz andere Bremshebel: „Wenn es nun tatsächlich zu einer stärkeren Nutzung von E-Bikes, Trikes und vor allem Lastenräder im Gewerbe kommt – wodurch viele die Innenstadt verstopfende Lieferfahrzeuge wegfallen könnten – ist das mit einer Gesundheitsgefahr verbunden?“, fragt der Bundesrat. Und fordert, dass geprüft werden müsse, ob Lastenpedelecs mit dem Arbeitsschutz vereinbar sind.

Vor allem geht es um Vibrationen, denen Fahrerinnen und Fahrer dieser Räder ausgesetzt seien oder sein könnten. Folglich wird jetzt ein Messverfahren entwickelt und erprobt, mithilfe dessen man dieses Problem untersuchen kann. Im Projektteam ist neben dem Landesinstitut für Arbeits-Gestaltung Nordrhein-Westfalen und der Berufsgenossenschaft Post-Logistik Telekommunikation zum Glück auch ein Fahrradsachverständiger.

Vibrationen auf dem Lastenrad? Wie auch immer. Wir haben auf dem neuen HASE BIKES PINO jedenfalls grundsätzlich Good Vibrations, auch wenn die Radwege holprig sind.

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