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Jedermannrennen „Rund um Köln“ – Helden für einen Tag

6. Juli 2016

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Das traditionsreiche Radrennen „Rund um Köln“ wurde im Juni zum 100. Mal in der Domstadt ausgetragen. Neben den Profirennen fanden auch so genannte Jedermannrennen statt, bei denen kaum Auflagen an die Teilnehmer gerichtet werden. Denn es geht viel mehr um das „Dabei sein“, als um den Wettkampf. Unser Gastautor Georg Bleicher hat an dem Jedermannrennen Skoda Velodrom in Köln teilgenommen. Ein Erfahrungsbericht.

Mit 45 Sachen durch Stadt und Land zischen

Ich stehe im Startblock D, also in dem Fahrerpulk, der erst als vierter über die Startlinie rollen darf, und trete von einem Bein aufs andere. Es tröpfelt leicht. Eine halbe Stunde vor Start ist es fast leise unter den knapp 3.000 Startern. Man zieht testweise an den Bremshebeln, wackelt an der Kurbel. Aber je länger wir warten, desto aufgeregter werden wir. Die Intervalle, in denen man aufs Handy guckt, werden kürzer. Die Männergruppe in den blauen Trikots einer Baufirma macht Witze über die Aerodynamik ihrer Bäuche. Die Fahrerin in Regenjacke neben mir erklärt, wo die Strecke besonders knifflig ist und wo sie besonders Spaß macht. Es tröpfelt – wie schon den ganzen Morgen. Über die Lautsprecher erschallt in schöner Regelmäßigkeit die verbleibende Wartezeit, bis wir endlich reintreten dürfen.

Wir sind Teilnehmer des Jedermannrennens Skoda Velodom, besser bekannt als „Rund um Köln“, und wollen alle dasselbe: im Pulk mit 45 Sachen durch Stadt und Land zischen, nichts als das Surren der Reifen und das Singen der Speichen hören und mit vielen Gleichgesinnten über abgesperrte Straßen preschen, alles geben – andere überholen, Rennfahrer sein. Hier gehören uns für zwei, drei Stunden die Straßen alleine, in voller Breite, ganz offiziell.

Ich will nach vorne!

Jedermannrennen "Rund um Köln" 2016

Fahrervorstellung zur 100. Austragung des Radrennens „Rund um Köln“. Foto: Holger Radsport-Fotos (Flickr/Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0 DE, Link s. unten)

11.00 Uhr. Der erste Block startet, der zweite … Endlich sind wir an der Reihe. Ich rolle über die Linie. Einige geben sofort richtig Gas, andere wollen erst mal in Ruhe aus der Stadt hinausrollen und sich von den Zuschauern jenseits der Sperrgitter anfeuern lassen. Ich will sofort nach vorn! Gar nicht so einfach: Ich bin so aufgeregt, dass ich viel zu schnell atme. Erst mit Konzentration auf gleichmäßiges Ein- und Ausatmen wird das allmählich besser.

Durch den abschüssigen Rheintunnel – sonst für Radfahrer gesperrt – geht’s mit gut 50, dann die kilometerlange Gerade entlang Richtung Mülheimer Brücke. Hier werden schon erste Fahrer des Startblocks C eingeholt. Mittlerweile fahre ich in einer Gruppe aus etwa 20 Leuten. Die ist aber sehr labil, wächst an, verliert wieder die Hälfte an Mitfahrern, geht in die Breite … Ein ständiges Kommen und Gehen. Ich überlege sekündlich: „Rolle ich hier mit oder lege ich kurzfristig einen Zahn zu und schließe zur nächsten erreichbaren Gruppe auf?“ So springe ich von Windschatten zu Windschatten. Mit 40 Sachen dahinfahren ist kein Problem, so lange nur einige Leute vor dir auch so schnell fahren. Ich schaue auf den Tacho: ein Durchschnitt von 38! Wow!

An jeder Verkehrsinsel, vor jeder Kurve stehen Ordner in gelben Westen mit Fähnchen und Trillerpfeifen. Das kenne ich nur von der Fernsehberichterstattung der Tour de France!

Wir kommen mit hoher Geschwindigkeit an die erste richtig scharfe Kurve. Mir wird klar, warum viele Freunde gesagt haben: „Das kann ganz schön gefährlich sein!“ Wer wenig Fahrpraxis hat, bremst plötzlich zu stark ab oder fährt die Kurve falsch an. Der Fahrer hinter oder neben ihm muss schnell reagieren. Puh!

Ich bin so drin im Geschehen, dass ich gar nicht wahrnehme, wo wir gerade sind oder wie weit ich schon gejagt bin.

Der Adrenalinspiegel ist hoch – ehrlich: ein ziemlich gutes Gefühl.

Wieder eine Linkskurve – und wir sind an der ersten echten Steigung! Vor mir ein riesiger Pulk an Fahrern, die mit dem Berg zu kämpfen haben oder von ihren keuchenden Vordermännern und -frauen ausgebremst wurden. Ich bin ein ganz guter Bergfahrer, aber neben und hinter mir sind auch einige, und jeder versucht, an den Flachlandspezialisten vorbeizukommen. Das geht nur ganz langsam.

Im Flow den Berg hoch

Nach ein paar hundert Metern wird die Strecke vor mir wieder offen. Jetzt geht’s stetig bergauf. Ich genieße es, dass ich ohne große Anstrengung überholen kann. Aber ich werde auch überholt. Hänge mich dran. Und muss wieder abreißen lassen. Doch nicht so viel Puste wie gedacht?

Achtung: Jetzt kommt die sagenumwobene Kopfsteinpflaster-Passage zum Schloss Bensberg hoch. Es wird richtig eng! Sperrgitter rechts und links halten kaum die Massen johlender Zuschauer in Zaum, die ersten Fahrer steigen ab. Ich gehe aus dem Sattel – aber nur kurz: Auf den leicht feuchten Pflastersteinen hat das Hinterrad sofort zu wenig Grip, fängt an durchzurutschen. Schnell wieder hinsetzen, im Sitzen weiter quälen! Der Typ neben mir gerät ins Schlingern. Unsere Schultern berühren sich. Ruhig bleiben! Ich kann vorbeiziehen, bevor er zur Seite kippt. Und oben! War doch gar nicht so schlimm, oder?

Ruhig werden, tief durchatmen. Jetzt hat erstmal keiner Lust und Puste zu hetzen. Im Freilauf rollen wir Richtung Forsbach – ab jetzt geht’s kaum mehr bergauf. Es kommt ein langes, leichtes Gefälle. Immer größer wird jetzt das Peloton, das mit zwischen 50 und 60 Sachen begab dahinrauscht. Obwohl meist getreten wird und das Tackern der Freiläufe nur vereinzelt zu hören ist, ist es mittendrin unglaublich laut. Das leise Surren einzelner Reifen, das sonst kaum wahrnehmbare Kettenwimmern wächst in diesem Pulk aus 100 bis 150 Fahrern zum lauten metallischen Surren. Irgendwie passt die Hektik, die im sich ständig verändernden Feld jetzt entsteht, bestens dazu. Konzentration! Auf alles vor dir achten! Upps, die Frau neben mir streift mit dem Pedal den Bordstein einer Verkehrsinsel. Sie gerät ins Schlingern, fängt sich, ich kann ausweichen. Gerade noch gut gegangen.

Ehrgeiz bis zum letzten Meter

Zum Abschluss geht’s über die Severinsbrücke, zurück in die Kölner Innenstadt, der Dom grüßt von rechts. Jetzt will ich’s nochmal wissen – aber viele andere auch! Jeder jagt los, hoch überm Rhein, Richtung Abfahrtskurve. Dabei geht’s mir gar nicht um die Zeit. Mich hat das Rennfieber so richtig gepackt. Selbst auf der Zielgerade trete ich noch rein, als ging’s um mein Leben – wie die meisten vor und neben mir.

Hunderte Zuschauer erwarten uns klatschend und johlend bei der Zieldurchfahrt. Meine Freundin ist darunter. Sie sieht mich sogar durch den Zielbogen rollen und winkt – natürlich kann ich sie im Getümmel nicht sehen.

Im Auslauf absteigen. Manche setzen sich sofort erschöpft auf den Boden, lehnen das Rad an eine freie Stelle an der Wand. Hab ich doch nicht nötig! Aber ich merke jetzt plötzlich ein Ziehen an meinen Oberschenkeln. Und dann fällt mir David Bowie ein: Helden. Für einen Tag. Für dieses Gefühl und die aufregende Erfahrung hat sich das gelohnt! „Eines weiß ich“, sage ich, als meine Freundin mich findet: „Ich werde Wiederholungstäter.“

Autor: Georg Bleicher

Foto (oben): Sportograf.com

Foto (im Text): Holger Radsport-Fotos (Flickr/Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0 DE)

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